islandrabe

Tagwerk in den Feldern der Kunst und Kulturwissenschaft

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strichweise

Über das Ziehen von Strichen zu Bildern von der Welt, oder: Ein Zeichenautomat der löscht, um eine Ahnung für die Sicht auf Landschaft zu hinterlassen.

strichweise, islandrabe 2011


Ausgangspunkt

"Die Bezeichnung durch Töne und Striche ist eine bewundernswürdige Abstraktion. Vier Buchstaben bezeichnen mir Gott; einige Striche eine Million Dinge." (Novalis, 1772-1801)

In die Abstraktion wurde vielfach die Hoffnung gesetzt, durch sie den Gang (die Gänge) der Welt aufzudecken. Ein in Kunst und Wissenschaft vielfach verwendetes Werkzeug ist dabei die Linie. Sie fungiert als Zeichen, das Ausschnitte der Welt erkennbar und vermittelbar macht. Wenn wir einen Strich ziehen, kommen wir zum Punkt; oder zumindest zu einer relativ klaren – im Falle des singulären Striches – einer zweiseitigen Interpretation der Welt.

"Schlagartig haben sich ein Hier und ein Da verteilt, ein Diesseits und ein Jenseits, ein Raum und ein anderer. Eine Topographie zeichnet sich ab, Proportionen kündigen sich an." (Hans-Joachim Lenger, 2009)

Die Linie dient der Wahrnehmung als Grenze. Sie ordnet und deutet an. Bei "strichweise" werden Landschaftsaufnahmen zu Linien von Orten reduziert, kondensiert, um unserem Blick auf Landschaft ein Zeichen zu geben.


Form und Funktion

"strichweise" ist die Abschlußarbeit für das Masterstudium Art & Science (Universität für Angewandte Kunst, Wien), bestehenden aus einem schriftlichen Teil, der sich mit dem Ziehen von Strichen in Kunst und Wissenschaft beschäftigt, und einem Zeichenautomaten, der Landschaftsaufnahmen zu einem Strich kondensiert (Bild 1 & Video 1).
Die Ausführung des Automaten zeichnet das Experiment aus, was einerseits am Ausprobieren-Wollen in der Rolle des Studenten lag, aber auch am Charakter des Versuchaufbaus, der in einem einfachen Aufbau eine Ahnung bestätigen oder verwerfen können soll. Das erste Bild rechts zeigt den Zeichenautomaten, gebaut aus Holzresten und zwei recycelten Faxgeräten. Die Ergebnisse lieferte der Automat auf einer Zeichenplatte aus Plexiglas, auf die mittels Whiteboardstift gezeichnet und mittels Putzschwamm abstrahiert wurde.
Grundlage für den Automaten waren Landschaftsaufnahmen, die nach einer Handlungsanweisung entstanden, und auch Logos von Milchfirmen. In der Gegenüberstellung lassen sich die Linien als Verweis auf den Blick, mit dem wir Landschaft sehen und sehen wollen, lesen.

strichweise, Aufbau bei Essence 2011Bild 1

Video 1


Vermittlung

"On Drawing Lines"
Gedanken im Rahmen der Masterarbeit führten zu diesem Text über das Ziehen von Strichen als beliebte Methode der Wissenschaft, um Vorgänge auf eine Linie (z.B. eine Messkurve) zu abstrahieren. Der Text versammelt Beispiele der Wissenschaftsgeschichte und trifft dabei auch auf den (relativ jungen) Begriff der ‚Objektivität‘.
Erschienen im Sammelband "An envelope for arts, sciences, politics and us“

"strichweise"
Der schriftliche Teil der Masterarbeit versammelt Vorüberlegungen zum Werk, historische Bezüge und Methode und Technik zur Erstellung der kondensierten Linien. Wird auf Anfrage gerne zur Verfügung gestellt.

Das Werk war Teil der Ausstellung Essence 2011 im MAK.


Unterstützung

Das Werk wurde ermöglicht durch die Personen am Institut "Art and Science" und in der Holzwerkstatt der Universität für Angewandte Kunst, Wien.