islandrabe

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Uhr-Wienerisch

Das soziale Phänomen "Zeit" im historischen Diskurs und Alltag der Stadt Wien; wie gesellschaftliche Entwicklungen unterschiedliche Formen von Zeit ergeben.

Uhr-Wienerisch, islandrabe 2015


Ausgangspunkt

Der Umgang mit Zeit kommt immer über Umwege zum Bewusstsein, so die These. Einzig die Symptome lassen sich betrachten. Dieser Ansatz stand auch am Beginn dieser Arbeit zur 'öffentlichen Zeit'. Ein in Wien gut sichtbares Symptom ist die "Würfeluhr", die seit 1907 auf viel frequentierten Plätzen Wiens installiert wurde. Begleitet wurden gerade die ersten derartigen Uhren von einer Berichterstattung, welche die Qualitäten einer 'neuen Zeit' beschrieben. Weitere 'neue Zeiten' tauchten in Quellen zu anderen öffentlichen Zeitzeigern und zu weniger greifbaren Themen der Zeit auf, wie der Einführung der M.E.Z. (Mitteleuropäischen Zeit) 1910. Die Beschreibungen gaben Hinweise darauf, wie Zeit wahrgenommen und genutzt wurde, und sie ließen erahnen, dass sich die Qualitäten gemeinsamer – öffentlicher – Zeiten über die Zeit veränderten. Wie öffentlicher Raum, der bewusster Grenzen setzt, so war (und wohl ist) 'öffentliche Zeit' Veränderungen unterworfen, welche die Bewohner der Stadt leiten.

Bild 1: Titelblatt "Die Bühne" (Wochenschrift für Theater, Film, Mode, Kunst, Gesellschaft, Sport), 1927 Nr. 164 (Quelle: ANNO/Österreichische Nationalbibliothek)

Titelblatt 'Die Bühne' 1927Bild 1


Ausführung

Die Recherchen begannen mit der Sammlung von kulturwissenschaftlichen und auch essayistischen Texten zu Aspekten der öffentlichen Zeit, die in Bezug zur Stadt Wien stehen. In der Auswertung zeigte sich bald, dass bis cirka 1920 Zeit Verhandlungssache war. Öffentliche Zeit wurde thematisiert, wenn es etwa darum ging, ob als Grundlage der Zeit in Wien z.B. die mitteleuropäische Zeit anstatt der lokalen „Wiener Zeit“ gelten solle. Zeit schien somit im Bewusstsein der damaligen Zeit als etwas Gestaltbares, das zur sozialen Ordnung der Stadt eingesetzt werden kann. Die Auswertungen der Funde und die dadurch mögliche Auseinandersetzung mit Aspekten öffentlicher Zeit ist der erste Teil der Arbeit.
In der Literatur fanden sich viele Verweise auf zeitgenössische Quellen. Der Fokus wurde dabei auf Berichte in Zeitungen und Zeitschriften gelegt, die in Wien ab cirka 1840 erschienen. Erweitert wurde die Liste an Quellen durch die Möglichkeit der Volltextsuche, die das Zeitungsportal ANNO (AustriaN Newspapers Online) der Österreichischen Nationalbibliothek bot. Die Suche mittels zeitgenössischer Schlagworte, wie „transparente Uhr“ oder „Uhrenmisere“, lieferte zusätzliche Ergebnisse. Im Verlauf der Auswertung erweiterte sich die Liste zudem durch Verweise auf Berichte, die sich in zeitgenössischen Berichten fanden. Insgesamt kam so eine Liste von rund 150 Quellen (Berichten, Nachrichten, Mitteilungen) zu Themen der öffentlichen Zeit aus der Tagespresse zustande.
Um die spezielle Atmosphäre zu übertragen, mit denen in den Texten 'die damalige Zeit' – auch ließe sich von 'damaligen Zeiten' schreiben – behandelt wurde, wurde für den zweiten Teil des Manuskriptes eine Ausarbeitung der Fundstücke gewählt, die dem Filmschnitt folgt. Ausgewählte Zitate wurden chronologisch aneinandergereiht, um ein 'Zeitbild' zu erzeugen. Nahegelegt wurde dies auch durch die Übersicht der Berichte, die als Grafik „Themen und Zeiten“ gestaltet wurde (Bild 2 und als pdf im Format A3). Darin wurden alle Berichte mit Titel (Schlagzeile) nach Datum aufbereitet, wodurch sich drei thematische Schwerpunkte der Berichterstattung zeigten. Die erste Stufe 1860 bis 1880 war geprägt durch die Diskussionen um eine einheitlich verbindliche Zeit für die Bewohner der Stadt. Die Phase von 1885 bis 1900 stand im Zeichen der Diskussion über die Normalzeit (auch Weltzeit, Einheitszeit, ...), wie sie im Eisenbahnverkehr eingeführt wurde und als Vorlage für die „bürgerliche Zeit“ dienen sollte, und von 1905 bis 1920 wurde über die Einführung der mitteleuropäischen Zeit und ihre Wirkung berichtet. Diese drei Kapitel bilden den zweiten Teil der Arbeit.

Bild 3: So viel ist in Wien schon lang' nicht gedraht worden. In: "Kikeriki" (Humoristisches Volksblatt), 5.7.1916 S.2 (Quelle: ANNO/Österreichische Nationalbibliothek)

An dieser Stelle der Hinweis auf das hilfreiche Buch "Die synchronisierte Stadt. Öffentliche Uhren und Zeitwahrnehmung, Wien 1850 bis heute." von Peter Payer. (mehr dazu)

Grafik 'Themen und Zeiten', islandrabe 2015Bild 2

S.2 'Kikeriki' 5.7.1916Bild 3


Betrachtungen

Im Rückblick zeigt sich die öffentliche Zeit in Wien als Verhandlungsgegenstand; und dies ist zugleich auch die Erkenntnis der Arbeit: Aus gegenwärtiger Sicht verblüfft es, wie über Zeit diskutiert wurde. Vor- und Nachteile wurden abgewogen. 'Zeiten' wurden mit bestimmten Utopien verbunden. Zeit in diesem Sinne betrachtet, gibt sich als gestaltbar zu erkennen, wodurch mit zeitlichen Eingriffen – wie es durch Zeitpolitik in gewissem Rahmen geschieht – soziale Bedingungen geschaffen werden können. Keine Zeit zu haben, erscheint so (teilweise) als gesellschaftliches und nicht individuelles Problem. Die historischen Diskurse zu lesen und nachzuvollziehen, kann hoffentlich einen Beitrag dazu leisten, öffentliche Zeit offener zu sehen und nicht derart fixiert, wie sie gegenwärtig behandelt wird.

Auf Anfrage wird das Manuskript in vorläufiger Fassung per mail zugeschickt.

Bild 4: Wiener wissen nun genau, wieviel es geschlagen hat. In: "Arbeiter Zeitung", S.15 (Quelle: http://www.arbeiter-zeitung.at)

S.15 'Arbeiter Zeitung' 4.1.1986Bild 4


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