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Anzapfen der Naturmaschine

Eine grafische Spurensuche nach den verbindenden Rhythmen zwischen Natur und Mensch, deren Wandel und den Auswirkungen auf Individuum und Gemeinschaft.

Anzapfen der Naturmaschine, islandrabe 2014


Ausgangspunkt

Lässt man die Natur machen, so produziert sie ihre Güter in ihren Rhythmen, wie dem Wechsel von Tag und Nacht oder dem der Jahreszeiten. Die Menschen passten sich an diese Kreisläufe an, nutzten sie durch Verständnis der Prozesse und konnten so "Naturmaschinen" anzapfen. Mit dem Fortschritt tauchten jedoch Möglichkeiten auf, neue Takte anzuschlagen. Den Auswirkungen, die sich durch diesen Wandel ergeben haben, auf die Spur zu kommen und sie an Beispielen festzumachen, ist Absicht dieser Arbeit.


Form und Funktion

Gesammelt wurden Erzählungen aus und Beschreibungen von der Region entlang des Flusses Kamp. Im Prozess der Auswahl, einer Art 'Montage', bildeten sich aus dem Material 12 Themen heraus, die vom Verhältnis Natur und Mensch und dessen Wandel erzählen. Den Überblick gibt eine Themenkarte (Bild 1), die dem Einstieg dient. Es handelt sich um ein abstrahierte Landkarte, die der Fluss Kamp als schwarze Linie durchzieht und worauf die Verteilung der Kulturformen Acker, Wald und Wein mittels Zeichnungen anzeigt ist. Aufbauend auf dieser Grundstruktur ergab sich die Verteilung der 12 Themenbereiche. Die groß gedruckten Thementitel sind umgeben von kurzen Zitaten, die relevante Aspekte des Themas wiedergeben. Plakativ stehen die gesammelten Zitate mit der Kulturlandschaft in Beziehung. Zwecks der Vertiefung sind die Kurztexte mit Verweiskürzeln (z.B.: WA-2) versehen. Sie führen zu dazugehörigen längeren Textpassagen – einer Art zweiten Ebene der Erzählung (Bild 2).
Das Werk existiert in zwei Ausarbeitungen. Für das Museum wurde eine erweiterte Schautafel samt Themenheftchen entwickelt und für das private Studium eine gedruckte Version in Form einer Landkarte plus Begleitheft (Bild 3).
Die Aufteilung der Inhalte in zwei Ebenen diente vor allem dazu, einen Überblick zu ermöglichen; und für die Schautafel gilt im Besonderen, dass sie das gemeinsame Betrachten der Themen nahelegt, wodurch die Betrachter ins Gespräch kommen.
Beide Erzählformate, Schautafel und Publikation, wurden mit der Absicht gestaltet, dass hier lokales Wissen gesammelt, ausgewertet und wieder zurückgegeben wird - wodurch im Idealfall für die Leute vor Ort andere Perspektiven für das Leben vor Ort entstehen können.

Themenkarte, Anzapfen der NaturmaschineBild 1

eine Seite des ProjektheftesBild 2

Publikation zum MitnehmenBild 3


Ausführung

Am Beginn dieser künstlerisch-ethnografischen Spurensuche stand eine Archivrecherche in landeskundlichen, wissenschaftlichen und literarischen Texten der Gegenwart bis zurück ins 18. Jahrhundert nach Beispielen, in denen das Verhältnis Natur Mensch steckt. Das Gefundene war die Grundlage für Gespräche im Laufe einer Recherchetour entlang des Kamps (Bild 4) im Mai 2014. Historische Begebenheiten waren der Einstieg in persönliche Betrachtungen und Erinnerungen, 'vergangenes' Wissen und nachhaltige Beobachtungen. Nach Auswertung der Gespräche und einer ergänzenden Textrecherche ergaben sich jene 12 Themen, die als Themenkarte samt Begleittext ausgearbeitet wurden.
Um die Erzählung für die Präsentation im Museum eindrücklicher zu machen, wurde die Themenkarte als erweiterte Schautafel (Bild 5) ausgearbeitet. Im 15-Minuten-Rhythmus ändert sich die Farbe der Hintergrundbeleuchtung dem Gang der Jahreszeiten folgend (Bild 6); die Farben wurden in den Gesprächen ermittelt. Weiters finden sich Filz-Druckknöpfe, die die Schautafel zu einem Touchscreen anderer Art machen. Die dezenten weißen Druckknöpfe ermöglichen das Abspielen von akustischen Feldaufnahmen, die während der Recherchetour aufgenommen wurden; die markanten schwarzen verweisen mittels Lichtsignal zu den jeweils dem Kapitel zugehörigen Heftchen (Bild 7&8). Die Erweiterungen sollen, wie die Verwendung der Landkarte, die Inhalte in Bezug zu den behandelten Dingen und Phänomenen in der Natur stellen. Damit sind viele unbewusste Aspekte verbunden, die auf der sachlichen Ebene des Textes wohl wenig Platz finden, aber die Licht, Farbe und Ton womöglich in Erinnerung rufen können.

Gespräche der RecherchetourBild 4

Schautafel, Anzapfen der NaturmaschineBild 5

Die Schautafel in FrühlingsfarbenBild 6

Die Schautafel in Herbstfarben und Druck des FilzlinksBild 7

Lichtverweis bei KapitelheftchenBild 8


Vermittlung

Von 26.07. bis 10.08.2014 war die erweiterte Schautafel im Zeitbrücke-Museum (Gars am Kamp) frei zugänglich ausgestellt (Bild 9). An den Tagen vom 26. bis 27.07. und 08.-10.08. war der Projektleiter vor Ort, um Besuchern Auskunft zur Arbeit und den Hintergründen zu geben. Die Zeiten ergaben angenehme Gelegenheit, um in längeren Gesprächen die jeweils persönlichen Bezüge zur Natur zu diskutieren (Bild 10). In diesem Sinne fand auch zum Abschluss der Präsentation eine Gesprächsrunde mit den Projektbeteiligten und Besuchern der Ausstellung am Abend des 10.08. statt. Franz Vock, einer der Anwesenden, hielt die dabei angesprochenen Themen in einer Zusammenfassung fest, die er hier dankenswerter Weise als pdf zur Verfügung stellt.

Eröffnung der Präsentation, Zeitbrücke MuseumBild 9

Gespräche vor der SchautafelBild 10


Beteiligte

Andrea Heistinger (Projektpartnerin), geboren 1974, lebt in Schiltern, freischaffende Agrarwissenschafterin, Autorin und Beraterin. andrea-heistinger.at

Richard Schwarz (Projektleitung), geboren 1984 in Wörgl, lebt in Wien, Studium der Europäische Ethnologie (Universität Innsbruck) und Art & Science (Universität für Angewandte Kunst Wien) und ist derzeit tätig als Medienkünstler und freischaffender Kulturanthropologe. islandrabe.com


Betrachtungen

Das Vorwort im Projektheft greift Schlagwörter auf, die sich im Rückblick der Recherchetour im Mai als gewichtig zeigten; das Vorwort können Sie hier als pdf downloaden. Weiters lenkten die Gespräche vor der Schautafel den Fokus auf Themen, wovon die Prägnantesten folgende drei Punkte sind:

Zum Abschluss scheint eine Anmerkung zum Prozess wichtig, dem Entstehungsprozess einer solchen Arbeit. Dieser ist in der Bedeutung mit dem finalen Ergebnis gleichzusetzen. Etwa wenn dadurch Wissen – das Ortsansässige etwas unterschätzt einfach haben – plötzlich wieder gefragt ist. Ein Beobachter von außerhalb kommt und frägt nach Sachen, die vor Ort nicht immer wertgeschätzt werden; das rückt Wissen in ein neues Licht. Gerade beim Thema des Umgangs mit Natur braucht es Überzeugungsarbeit, damit Wissen um das Land und von der Natur wieder als gutes Wissen erkannt wird. Der Glaube an dessen Wert hat gelitten; und im Idealfall kann das Nachfragen dessen Wert wieder etwas heben.


Unterstützung

Das Stellen der Fragen, das Auswerten der Antworten und die Publikation wurde ermöglicht durch die Unterstützung des Viertelfestivals NÖ.

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