islandrabe

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Seliger Anderle

500 Jahre alte fake news in vieler Munde und auf vielen Plattformen

Seliger Anderle von Rinn, islandrabe 2017


Ausgangspunkt

Eine Vitrine des Tiroler Volkskunstmuseums zeigt Objekte zum Thema Ritualmorde (Bild 1). In krippenartigen Inszenierungen und Gemälden wird dabei die Ermordung von Kindern dargestellt. Die Entstehung der Geschichten geht zurück ins 15. Jahrhundert und wird anschließend bis in die Gegenwart weitererzählt. Das Grundgerüst besteht aus jüdischen Tätern und einem unschuldigen christlichen Kind, das grausam malträtiert wird, um das Blut für Ritualzwecke zu erhalten. In Trient wird Juden 1475 wegen der Ermordung eines Knaben namens Simon der Prozess gemacht; das Schicksal des Anderl von Rinn (bei Innsbruck) wird erst 1620 erzählt – und damit gut 150 Jahre nach seiner beschriebenen Ermordung im Jahr 1462. Beide Ritualmordlegenden decken sich inhaltlich stark – vor allem was die Täterschaft und die damit verbundene Beschreibung der Juden betrifft; eine in die Welt gesetzte 'Nachricht' wurde so über Jahrhunderte zur Rechtfertigung für Antisemitismus.
Mit dem Wandel des Verhältnisses der Kirche zum Judentum im 20. Jahrhundert änderte sich auch die Einschätzung der Ritualmordlegenden. Im Falle des "Seligen Anderle von Rinn" führte es im Jahr 1994 zur definitiven Beendigung des Kultes durch den Bischof von Innsbruck. Doch 500 Jahre der Wiederholung einer Geschichte (wie etwa bei Ignatius Zach in "Ausführliche Beschreibung der Marter" von 1724, Bild 2) hinterlassen tiefe Eindrücke ... und brauchen ihre gegenwärtigen Kommentare.

Anderle von Rinn, Gesamtaufnahme VitrineBild 1

Anderle von Rinn, Ignatius Zach, Ausführliche Beschreibung der MarterBild 2


Form und Funktion

Die Objekte, die die Geschichte kommentarlos vermitteln, sind nun mit einer Reihe an SmartPhones umgeben. Im passiven Modus präsentieren sie die Einladung, sich selbst ein Bild davon zu machen. Ein SmartPhone bietet für diesen Zweck die App "fake news". Wird mit dieser ein Foto gemacht (Bild 3), wird dieses sofort mit schönen Grüßen aus dem Volkskunstmuseum gepostet. Dies ist Auslöser für einen Sturm an Meldungen, die in unterschiedlichen Perspektiven von der Ermordung berichten. Die SmartPhones um die Vitrine werden aktiv, nachgemachte Apps der Plattformen facebook, twitter, whatsapp und instagram laden und die Posts verteilen sich auf ihnen. So ist sich der Bischof von Trient im 15. Jahrhundert sicher, dass Juden so etwas tun; Miss R. H. Busk zeigt sich im 19. Jahrhundert über den verbreiteten Antisemitismus in Tirol ernüchtert; und Bischof Reinhold Stecher stellt in Bezug auf den Kult 1985 fest: "Hier müssen wir etwas revidieren."
Am Ende von gut 40 Meinungen steht über unterschiedliche Plattformen verteilt die Chronologie einer 'gemachten' Neuigkeit zum Durchscrollen.

Video 1

Anderle von Rinn, Foto fake news AppBild 3


Ausführung

Alle Meldungen sind dokumentierte Aussagen der jeweiligen Meinungsmacher und weniger Meinungsmacherinnen, ausgehoben aus Archiven, vorrangig der Bibliothek des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum. Redaktionell aufbereitet und um Profilbilder ergänzt, sind sie chronologisch in einer Datenbankdatei zusammengeführt. Ein Webserver verwaltet diese und steuert auch alle SmartPhones. Wird ein Bild mit der fake news App gemacht und an den Server gesendet (Bild 4), aktiviert dieser die Geräte und sendet die Daten der Plattformen zur Anzeige per Zufall. Im Anschluss folgen zeitlich versetzt die einzelnen Meldungen – chronologisch geordnet doch zufällig an eines der Geräte (Bild 5). Dies bewirkt, dass keine Erzählung nach dem selben Muster abläuft. Wurde die letzte Nachricht ausgesendet, bleibt die Anzeige für einige Sekunden zum Betrachten erhalten. Danach geht die Installation in den Ausgangszustand zurück.

Anderle von Rinn, Screenshot der Standradseite und fake news AppBild 4

Anderle von Rinn, Screenshot MeldungenBild 5


Vermittlung

Start der Installation war anlässlich der Langen Nacht der Museen am 7.10.2017 (Bild 6). Die Arbeit ist Teil der Dauerausstellung des Tiroler Volkskunstmuseums.

Anderle von Rinn, Lange Nacht der Museen, Tiroler VolkskunstmuseumBild 6


Beteiligte

Niko Hofinger (Konzept, Recherche, App-Programmierung), Inhalt folgt ...

Richard Schwarz (Konzept, Recherche, Webserver-Programmierung, Aufbau), geboren 1984 in Wörgl, lebt in Kufstein, Studium der Europäische Ethnologie (Universität Innsbruck) und Art & Science (Universität für Angewandte Kunst Wien) und ist tätig als Medienkünstler und freischaffender Kulturanthropologe. islandrabe.com


Auftrag

Das Werk "Seliger Anderle" ist eine Auftragsarbeit für die Tiroler Landesmuseen Betriebsgesellschaft m.b.H., 2017.

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